Lassnig Munch
Manchmal sind es gerade die Ausstellungen, auf die man sich besonders freut, obwohl – oder vielleicht gerade weil – die gezeigten Künstlerinnen und Künstler nicht zu den persönlichen Favoriten gehören.
So ging es mir mit der Ausstellung »Malfluss = Lebensfluss. Maria Lassnig und Edvard Munch« in der Hamburger Kunsthalle, die ich am vergangenen Wochenende besucht habe. Weder Maria Lassnig noch Edvard Munch zählen zu den Künstlern, deren Werke mich spontan begeistern. Lassnigs Bilder empfand ich bislang oft als verstörend, Munchs Arbeiten dagegen als dunkel, melancholisch und manchmal sogar bedrückend. Umso neugieriger war ich auf die Frage, die die Ausstellung bereits in ihrer Ankündigung aufwirft: Welche Gemeinsamkeiten können zwei Künstlerpersönlichkeiten verbinden, die auf den ersten Blick so unterschiedlich erscheinen?
Die Antwort darauf entfaltet sich auf beeindruckende Weise über zwei Ausstellungsebenen mit rund 180 Werken. Die Hamburger Kunsthalle zeigt hier erstmals beide Künstler in einer großen Doppelschau und stellt ihre Arbeiten thematisch gegenüber. Trotz eines Altersunterschieds von mehr als fünfzig Jahren werden überraschende Parallelen sichtbar – sowohl in ihren Biografien als auch in ihrem künstlerischen Schaffen.
Was mir besonders gefallen hat, war die Art der Präsentation. Einzelne Werke werden gezielt miteinander in Beziehung gesetzt, begleitet von kurzen, prägnanten Erläuterungen. Diese Gegenüberstellungen eröffnen neue Perspektiven und laden dazu ein, genauer hinzusehen. Als Besucher wird man nicht mit kunsthistorischen Fakten überhäuft, sondern erhält hilfreiche Impulse, um die Bilder und die Menschen dahinter besser zu verstehen.
Vor allem Maria Lassnig habe ich in dieser Ausstellung neu kennengelernt. Viele ihrer bekannten Selbstbildnisse und Körperdarstellungen wirken auf den ersten Blick roh, verletzlich oder sogar befremdlich. Erfährt man jedoch mehr über ihre Lebensgeschichte, erscheinen diese Werke plötzlich in einem anderen Licht. Die Erfahrung von emotionaler Distanz und fehlender körperlicher Nähe in ihrer Kindheit lässt ihre intensive Beschäftigung mit dem eigenen Körper und der eigenen Wahrnehmung nachvollziehbarer werden. Was mich früher oft irritierte, wirkte nun deutlich zugänglicher.
Auch Edvard Munch begegnete mir hier differenzierter als das verbreitete Bild eines Künstlers, der auf »Der Schrei« reduziert wird. Natürlich sind viele seiner Werke von Melancholie, Verlust und Einsamkeit geprägt. Gleichzeitig zeigte die Ausstellung aber auch seine erstaunliche Farbigkeit und die enorme Sensibilität, mit der er menschliche Gefühle sichtbar machte. Seine Bilder erzählen von Liebe, Sehnsucht, Angst und Trauer – Themen, die zeitlos sind und auch heute unmittelbar berühren.
Besonders spannend fand ich den Unterschied in der Herangehensweise beider Künstler. Während Munch häufig innere Stimmungen und seelische Zustände thematisiert, richtet Lassnig ihren Blick stärker auf körperliche Empfindungen und Wahrnehmungen. Beide nutzen Farbe jedoch als Ausdrucksmittel für Emotionen und schaffen es auf beeindruckende Weise, Unsichtbares sichtbar zu machen. Genau dieser Umgang mit Farbe und Gefühl scheint eine der stärksten Verbindungen zwischen ihnen zu sein.
Sehr eindrucksvoll waren für mich die direkten Gegenüberstellungen einzelner Werke zu Themen wie Selbstportraits und Doppelportraits, Geschlechterbeziehungen, Lebenszyklen oder Krankheit & Tod. Gerade bei diesen Themen wurde deutlich, wie unterschiedlich beide Künstler ähnliche Erfahrungen und Fragestellungen bildnerisch verarbeitet haben. Solche Dialoge zwischen Werken machen den besonderen Reiz dieser Ausstellung aus.
Als Künstler nehme ich aus solchen Ausstellungen immer auch etwas für die eigene Arbeit mit. Das betrifft nicht nur die gezeigten Werke selbst, sondern auch deren Präsentation. Bei Gruppenausstellungen stehen wir teilnehmenden Künstler häufig vor der Herausforderung, sehr unterschiedliche Positionen gemeinsam zu zeigen und dennoch Zusammenhänge sichtbar zu machen. Die Hamburger Kunsthalle liefert dafür ein gelungenes Beispiel. Sie zeigt, dass spannende Ausstellungen nicht nur durch Gemeinsamkeiten entstehen, sondern gerade durch Unterschiede und den Dialog zwischen verschiedenen künstlerischen Sichtweisen.
»Malfluss = Lebensfluss« ist keine leichte oder unterhaltsame Ausstellung für einen schnellen Museumsbesuch. Sie fordert Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf zwei komplexe Künstlerpersönlichkeiten einzulassen. Wer dies tut, wird jedoch mit vielen neuen Einsichten belohnt.
Ich habe die Ausstellung mit einem deutlich differenzierteren Blick auf Maria Lassnig und Edvard Munch verlassen als ich sie betreten habe. Und genau das ist für mich ein Zeichen dafür, dass eine Ausstellung ihren Zweck erfüllt hat.
Die Ausstellung ist noch bis zum 30. August 2026 in der Hamburger Kunsthalle zu sehen.
07.07.2026

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